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Journalismus in der Bredouille?

Eine Bestandsaufnahme nach über zwei Jahren Pandemie

Im  aktuellen Pressefreiheitsranking von Reporter ohne Grenzen ist Österreich um 14 Plätze zurückgefallen und liegt derzeit auf Platz 31, knapp vor der dominikanischen Republik und hinter Ländern wie Namibia oder Trinidad & Tobago.1

Mit diesem Absturz ging zuletzt auch ein starker Vertrauensverlust einher, den die Medien bei ihrem Publikum erfahren haben. So zeigt etwa der OGM Index, dass die Vertrauenswerte österreichischer Medien von 2019 auf 2021 um ein Fünftel gesunken sind.2 Insbesondere die journalistischen Leistungen im Zuge der Corona-Pandemie wurden eher durchwachsen beurteilt. In einer Umfrageserie des Gallup Instituts erreichte die Zustimmung zur Aussage, dass „die Medien [...] Panik verbreitet und maßgeblich zur Eskalation der Krise beigetragen haben“, bis zu 29%. Deutlich weniger Befragte attestierten den Medien hingegen, gute Arbeit bei der Bewältigung der Pandemie geleistet zu haben. Im Februar 2021 war beispielsweise nur jeder Zehnte von der Arbeit der Medien diesbezüglich überzeugt.3

Durch mangelnde Quantität kann das schlechte Zeugnis für die Corona-Berichterstattung jedenfalls nicht erklärt werden. Auswertungen von MediaAffairs zu Beginn der Pandemie haben gezeigt, dass bis zu 80% der bundespolitischen Artikel in Zusammenhang mit Corona standen. Mit der Marginalisierung der Oppositionsparteien, wie sie vor allem am Anfang der Pandemie beobachtet werden konnte,4 dürften sich die Medien allerdings keinen guten Dienst erwiesen haben. Eine Vereinnahmung durch die Regierung ist dabei nicht so einfach von der Hand zu weisen. Die intransparente Aufstockung des Inseratenbudgets,5 sowie die Umfragen-Affäre um Sebastian Kurz erhärten diesen Verdacht.6

Darüber hinaus hat es offensichtlich auch starke Repräsentationsdefizite gegeben. So zeigte der SORA-Freiheitsindex, dass sich 59% der Bevölkerung in der Berichterstattung über die Pandemie nicht repräsentiert fühlten.7 Die Gefahren einer zunehmenden Entfremdung zwischen den Medien und ihrem Publikum sollten nicht unterschätzt werden. Insofern kann auch der überraschende Ausgang der Wahlen in Oberösterreich als Warnung verstanden werden, wo eine Protestpartei ohne wirkliches Programm und praktisch ohne jegliche Präsenz in etablierten Medien den Sprung in den Landtag schaffte.8

Doch erst ein Blick auf die ökonomische Gesamtsituation offenbart das volle Ausmaß der Misere, in der sich die Medienlandschaft derzeit befindet. Durch die Digitalisierung werden allen voran die Tageszeitungen bedroht, und das in mehrfacher Hinsicht: Auf der einen Seite fließen immer größere Teile der Werbeetats zu großen Onlineplattformen ab, auf der anderen Seite steigt die Zahlungsbereitschaft der KonsumentInnen für Online-Angebote nicht annähernd im selben Ausmaß, wie die Auflagen von Printprodukten sinken.3,9 Diese Entwicklung bleibt nicht ohne Konsequenzen: Die Zahl der professionellen JournalistInnen in Österreich hat sich seit 2006 um ein Viertel verringert.10 Die Oligopolisierung des ohnehin schon hochkonzentrierten österreichischen Medienmarktes schreitet weiter voran.11

Die Herausforderung für die Medienbranche dürfte also vor allem darin liegen, tragfähige Geschäftsmodelle für die Zukunft zu entwickeln, ohne dabei in noch stärkere Abhängigkeiten zu geraten. An der Nachfrage kann es eigentlich nicht scheitern. Regelmäßig zeigen Umfragen, dass unabhängiger Journalismus als integraler Bestandteil einer funktionierenden Demokratie gesehen wird.3

Literatur:

1. Reporter ohne Grenzen. Home. https://www.rog.at/.

2. OGM. OGM/APA Vertrauensindex Institutionen Juli 2021. OGM https://www.ogm.at/2021/07/30/ogm-vertrauensindex-institutionen-juli-2021/ (2021).

3. Gallup. Medien und Journalismus: Was kommt nach Corona? gallup.at https://www.gallup.at/de/unternehmen/studien/2021/medien-und-journalismus-was-kommt-nach-corona/ (2021).

4. MediaAffairs. CORONA BRINGT OPPOSITION ZUM VERSCHWINDEN. http://mediaaffairs.at/aktuellebeitraege/politik/coronakrisebringtoppositionzumverschwinden.html (2020).

5. Kaltenbrunner, A. Scheinbar transparent II. 96 (2021).

6. Kaltenbrunner, A. & Fronaschütz, A. Inseratenaffäre und Medien. Gallup Institut https://www.gallup.at/de/unternehmen/studien/2021/inseratenaffaere-und-medien/ (2021).

7. SORA. SORA Institut: Freiheitsindex 2021. https://www.sora.at/nc/news-presse/news/news-einzelansicht/news/freiheitsindex-2021-1099.html (2021).

8. MediaAffairs. WAHLKÄMPFEN IN ZEITEN VON CORONA - NACHTRAG ZUR OBERÖSTERREICH-WAHL. https://www.mediaaffairs.at/aktuellebeitraege/politik/wahlanalyseooe.html (102AD).

9. Kaltenbrunner, A., Lugschitz, R., Karmasin, M., Luef, S. & Kraus, D. Kap. 3.1. aus: Der österreichische Journalismus-Report. Eine empirische Erhebung und eine repräsentative Befragung, Facultas (2020). in 71–79 (2020).

10. Kaltenbrunner, A. & Kraus, D. In Bedrängnis: Journalismus in Österreich. in Demokratie braucht Medien (eds. Magin, M., Rußmann, U. & Stark, B.) 143–158 (Springer Fachmedien, 2021). doi:10.1007/978-3-658-34633-1_8.

11. Trappel, J. Medienkonzentration – trotz Internet kein Ende in Sicht. in Österreichische Mediengeschichte: Band 2: Von Massenmedien zu sozialen Medien (1918 bis heute) (eds. Karmasin, M. & Oggolder, C.) 199–226 (Springer Fachmedien, 2019). doi:10.1007/978-3-658-23421-8_10.

Rückfragen:
Manuel Bonat
m.bonat@mediaaffairs.at

Fotocredit Titelbild: © Siam Adobe Stock

31.05.2022