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Was können Kampagnen wie #UnhateWomen bewirken?

Maria Pernegger im Interview mit "News"

In Zeiten von Social Media haben „offizielle“ Medien und Nachrichtenportale nicht mehr die alleinige Hoheit über Massenberichterstattung.
MediaAffairs-Geschäftsführerin Maria Pernegger im Interview mit "News".

Jede/R Internetnutzer/In kann Inhalte online stellen, sie teilen, liken, kommentieren – kurz: relevant machen. Nach diesem Prinzip funktionieren Hashtags wie #UnhateWomen, mit dem der Frauenrechtsverein Terre des Femmes einen viralen Erfolg gelandet hat. Für die Kampagne lesen Frauen extrem frauenverachtende Texte aus Rapsongs. Doch können solche Internet-Kampagnen überhaupt bleibenden Nutzen bringen?

Die Kampagne #UnhateWomen macht verbale Gewalt gegen Frauen – vor allem in Rap-Texten sichtbar und ist sehr erfolgreich im Netz. Was halten Sie von der Kampagne?

Maria Pernegger: Viele wissen gar nicht, was in dieser Szene abläuft, aber Deutsch-Rap erreicht in der Zielgruppe der Jugendlichen – vor allem junge Männer – eine sehr beeinflussbare Gruppe. Die Inhalte der zitierten Deutsch-Raps sind in den letzten Jahren immer misogyner geworden. Rechtlich gibt es kaum Einschränkungen und Sanktionsmöglichkeiten. Unter dem Deckmantel der Kunst und Redefreiheit werden Texte produziert, die nicht nur frauenverachtend sind, sondern zum Teil offensiv zur Gewalt an Frauen aufrufen und Frauen zu Sexobjekten und Sklavinnen degradieren. Daher ist diese Kampagne aus meiner Sicht ein wichtiges Zeichen, um aufmerksam zu machen und zu sensibilisieren, aber vor allem auch, um solche Aussagen von einflussreichen Menschen (diese Rapper haben oft hunderttausende Follower auf Social-Media-Portalen und ihre Lieder werden zum Teil millionenfach aufgerufen) in der Öffentlichkeit nicht widerspruchslos stehen zu lassen.

 

Auch wenn so eine Kampagne, so ein Hashtag „viral geht“ und zigfach geteilt wird: Was kann sie tatsächlich bewirken? Und erreicht so eine Initiative auch Menschen, die nicht ohnehin schon sensibilisiert für das Thema sind?

Im ersten Schritt geht es um die Sache – um Widerspruch, um das Aufzeigen von Missständen. Natürlich will man als InitiatorIn bzw. als Organisation nicht nur in der eigenen, sensibilisierten Bubble möglichst viel Aufmerksamkeit generieren. Da ist der Start der rund um den Weltfrauentag strategisch sehr gut gewählt, weil da insgesamt eine sehr viel größere Resonanz auf feministische Themen beobachtbar ist. Vor allem gibt es eine markant höhere Bereitschaft seitens der Massenmedien, aber auch der Politik, genau solche Themen aufzugreifen.

 

»Die wenigsten Menschen sind so eingestellt, dass sie Frauenhass wirklich goutieren«

 

Kann eine solche Kampagne tatsächlich auch jemanden zum Umdenken bewegen?

Einen Frauenhasser wird man dadurch nicht umstimmen können, aber das ist sicherlich auch nicht das Ziel. Das Ziel ist vielmehr eine breite Öffentlichkeit, einflussreiche Medien, prominente Persönlichkeiten und Verantwortungsträger dazu zu bewegen, diese Videos und Bilder weiterzuteilen und damit möglichst breit zu streuen, damit eben möglichst viele Menschen damit in Kontakt kommen und sensibilisiert werden. Die wenigsten Menschen sind so eingestellt, dass sie Frauenhass wirklich goutieren. Eine solche Kampagne kann also in Zeiten der intensiven Nutzung von Social-Media-Kanälen und dem steigenden Einfluss von Online-Kommunikation durchaus eine enorme Wirkmacht entfalten.

 

Einer der zitierten Rapper, Fler, rief zur Gegenwehr auf, drohte sogar mit Gewalt und setzte Kopfgeld auf eine Unterstützerin aus. Heißt das, dass die Kampagne einen Nerv getroffen hat? Kann sie sogar bei Tätern was bewirken? Oder verhärtet es deren Sichtweise nur noch mehr?

Rapper Fler spielt damit und vermarktet sich mit solchen Ankündigungen. Genau solche Aussagen werden zitiert und geklickt – möglichst starke Polarisierung und Gewalt (in der Sprache) gehören zum Erfolgskonzept und kommen bei seiner eigenen Fangemeinde wahrscheinlich auch an. Ich bezweifle, dass diese Kampagne die Täter umstimmt, sie wird diese vielleicht sogar noch stärker mobilisieren – sehe das aber auch nicht als zentrales Ziel. Wichtig ist, dass dieses Nischenthema durch solche Kampagnen in der Breite ankommt und dort wahrgenommen und gesehen wird – was man sieht, wird nämlich vielen nicht gefallen!

 

»Nach dem Frauentag ist die Öffentlichkeit richtig übersättigt und will erst mal lange nichts von Feminismus hören «

 

Wie sehr laufen solche viralen Initiativen Gefahr, kurz zwar sehr interessant und überall präsent zu sein – aber auch schnell wieder in Vergessenheit zu geraten, wenn das nächste Thema aufpoppt?

Die Gefahr ist für einzelne Kampagnen sehr hoch, vor allem rund um den Frauentag, wo ein regelrechter Hype beobachtbar ist, aber hinterher die Öffentlichkeit richtig übersättigt ist und erst mal lange nichts von Feminismus hören will.

 

(Wie) können solche Kampagnen dennoch nachhaltig sein?

Solche Initiativen können trotzdem nachhaltig sein wenn man etwa Verbündete findet oder sich mit einer Kampagne mit der Zeit eine große Community aufbaut (etwa Follower auf SocialMedia) und das Thema damit insgesamt wirkungsstärker und sichtbarer wird – auch für künftige Aktionen.

 

So wie #metoo?

#metoo ist das Paradebeispiel eines erfolgreichen Hashtags. Das Erfolgsgeheimnis war die breite Promidichte, die das Thema lange Zeit in der Öffentlichkeit gehalten haben, bis wirklich alle nationalen und internationalen Medien das Thema aufgegriffen haben und wo nach und nach – auch wegen diesem öffentlichen Druck – vieles an die Öffentlichkeit gekommen ist. Aber auch #fridaysforfuture etwa mobilisiert sehr stark und funktioniert.

 

Den Original-Beitrag auf news.at finden Sie hier.

Rückfragen:
Mag.a Maria Pernegger
m.pernegger@mediaaffairs.at

09.03.2020