Barrierefreiheit

Jugendliche online: Mein Freund, der Algorithmus

Die Generation Social Media erlebt Umbrüche: Plattformmüdigkeit, algorithmische Kontrolle – und neue Zugänge durch Künstliche Intelligenz

Die Initiative Saferinternet.at des ÖIAT (Österreichisches Institut für angewandte Telekommunikation, ÖIAT 2026) präsentierte Ende Januar den aktuellen Jugend-Internet-Monitor für das Jahr 2025. Erhoben werden darin jährlich seit 2016 Daten zur Social Media-Nutzung von Österreichs Jugendlichen.

Insgesamt zeigt sich ein Rückgang bei der Nutzung von sozialen Medien: Alle wichtigen Plattformen müssen Verluste bei den Nutzer:innen verzeichnen. Das Ranking wird immer noch angeführt vom Messengerdienst WhatsApp (82% Reichweite), gefolgt von der Videoplattform YouTube. Auf Platz drei liegt der Messenger Snapchat, auf den Plätzen 4 und 5 folgen die Kurzvideoplattform TikTok und Instagram (Fotos und Videos) mit jeweils 64% Reichweite. Auch Gaming-zentrierte Plattformen wie Roblox und Twitch sind vertreten (ÖIAT 2026).

 

 

Was die Plattformen in ihren Differenzen eint, ist eine gewisse Vielfalt angebotener Services und Funktionsweisen: Messaging-Dienste etwa ermöglichen neben Textnachrichten auch Videoanrufe oder die Übermittlung von Kurzvideos, Videoplattformen bieten Raum zur Interaktion via Privatnachrichten und Kommentaren, und Spieleplattformen bieten Raum zur Organisation von Communities entlang gemeinsamer Interessen. Sie bieten damit über die interpersonelle und direkte Kommunikation die Möglichkeit der Gestaltung personalisierter sozialer Räume. Diese zeichnen sich aus durch gemeinsame Interessen – Musik, Ästhetik, Hobbies und mehr – und bilden als gemeinsamer Referenzrahmen einzigartige, aber niemals abgetrennte kulturelle Räume, die mit der nicht-virtuellen Welt in regem Austausch stehen.

Social Media als Nachrichtenquelle

Hierin liegt auch eine der Ambivalenzen in der Nutzung sozialer Medien: Während Social Media-Plattformen als Unterhaltungskanäle verstanden werden, die oft genug auch einen Eskapismus vor negativen und mitunter bedrückenden Nachrichten darstellen, fungieren sie für 35,4% der österreichischen Bevölkerung insgesamt und über 53% der 18- bis 24-jährigen als Nachrichtenquelle (Gadringer et al. 2025).

Die Plattform Facebook, die mit 11% Reichweite unter Jugendlichen weiter hinten im Ranking liegt, hat dabei in der gesamten österreichischen Bevölkerung die größte Reichweite unter den Social Media Plattformen als Nachrichtenquelle mit immerhin 22% (Gadringer et al. 2025).

Auch vor diesem Hintergrund kann die aktuelle, rückläufige Entwicklung der Nutzung von Social Media gesehen werden: So zeigt der Digital News Report für Österreich eine leichte Zunahme der absichtlichen Nachrichtenvermeidung (Gadringer et al. 2025).

Jugendliche erleben neben belastenden (Nachrichten-)Inhalten und Hasskommentaren auch die große Menge an Werbung und über mehrere Plattformen sehr ähnliche Inhalte als negativ an sozialen Medien (ÖIAT 2026).

Alles Algorithmus?

Damit wird die sorgfältige, individuelle Kuration der eigenen virtuellen Welt zunehmend konterkariert durch das stärker werdende Bewusstsein der zentralen Rolle von Algorithmen, die von Seiten der Plattformen den ‚Feed‘, also das personalisierte Portal zur Plattform, prägen. Dies mag an technischen Änderungen in der Nutzer-Oberfläche liegen, aber auch an der Zunahme von Werbeinhalten, die andere Inhalte verdrängen.

Diese Entwicklung findet auch im Jugend-Internet-Monitor Niederschlag: Die direkte, interpersonelle Kommunikation – also der gezielte Austausch von Inhalten – wird zunehmend abgelöst vom passiven Konsum von Inhalten, wie etwa das unendliche Scrollen auf TikTok. Lange her sind die Zeiten, als man auf Twitter oder Instagram nach langem Scrollen noch die Benachrichtigung, jetzt alles gesehen und somit auf dem neuesten Stand zu sein, erhalten konnte: Dem endlosen Doom-Scrolling steht nichts mehr im Wege.

Die empfundene Social Media- und Nachrichten-Ermüdung durch automatisierte Inhalte betrifft nicht alle Inhalte gleichermaßen: Laut Gadringer et al. 2025 (Erhebung für die gesamte Bevölkerung, nicht nach Altersgruppen) besteht die größte absolute Zustimmung zur algorithmisierten bzw. automatisierten Auswahl von Inhalten für Informationen zum Wetter, gefolgt von Musik und Filmen/Serien basierend auf dem eigenen Nutzungsverhalten. Auch die automatisierte Auswahl von Nachrichten allgemein erfährt eine gewisse Zustimmung, am geringsten ist die Zustimmung zur Algorithmus-gestützten Gestaltung des Social Media-Feeds, sowohl in absoluten als auch relativen Zahlen: 29,9% der Befragten fühlen sich dabei sehr oder eher wohl, während 24,6% sich damit sehr oder eher unwohl fühlen. Dies ist besonders interessant vor dem Hintergrund, dass die Verwendung von Algorithmen zur Gestaltung der Nutzer:innenerfahrung im Bereich Social Media – anders als bei TV-Sendungen und Nachrichten zum Wetter – ein integraler Bestandteil der meisten, wenn nicht aller, Plattformen ist. Ross Arguedes (2025) hält aber fest, dass Jugendliche prinzipiell aufgeschlossener sind für KI-gestützte Produktion von Nachrichteninhalten.

Raus aus Social Media?

Eine Korrelation zwischen intensiver Social Media-Nutzung und negativen Veränderungen in der psychischen Gesundheit (thematisiert unter anderem von der WHO, 2024) wird seit langem diskutiert, auch vor diesem Hintergrund wurde mit Dezember 2025 in Australien ein Social Media-Verbot für Jugendliche unter 16 Jahren erlassen.

Ähnliches wird hierzulande diskutiert, wobei insbesondere die Gefahr von Radikalisierung und der Aktivitäten demokratiefeindlicher / demokratiegefährdender Gruppen ins Rennen gebracht wird. Angesichts der Bedeutung von Social Media als Nachrichtenquelle (wenn auch bei niedrigeren Vertrauenswerten als etablierte Medienverlage) müsste hiermit eine Strategie zur Erhöhung der Medienkompetenz von Jugendlichen in der Bildungspolitik einerseits, als auch eine Hinwendung etablierter Redaktionen an ein junges Publikum geschehen.

Der aktuelle Jugend-Internet-Monitor hält aber auch noch einen weiteren Hinweis auf zu erwartende Entwicklungen bereit: Neu im Ranking sind Chatbots als von Jugendlichen gern genutzte Online-Plattform. ChatGPT und Co. sind immer häufiger die erste Anlaufstelle für viele Fragen: Sei es für Hausaufgaben, zu Unterhaltungszwecken, als Suchmaschine oder für persönliche Fragen, die einst in der Online-Community diskutiert wurden. KI als zukünftige Kernkompetenz über viele Branchen hinweg scheint unausweichlich, frühe Auseinandersetzung damit mag das erleichtern. Gleichzeitig mag ein Chatbot sich bei entsprechender Programmierung durchaus freundlich geben – ein Freund ist er aber nicht. Wie hier Regulierungen aussehen können – oder sollen – ist noch offen. Wir könnten ja mal ChatGPT fragen?

 

 

Quellen:

WHO 2024: Teens, screens and mental health: New who report indicates need for healthier online habits among adolescents. September 2024. Zugriff am 02.02.2026

Stefan Gadringer, Sergio Sparviero, Josef Trappel, Magdalena Holzapfel 2025: Digital News Report Network Austria: 2025 Detailergebnisse für Österreich.

Österreichisches Institut für angewandte Telekommunikation 2026: Jugend-Internet-Monitor - Saferinternet.at Zugriff am 02.02.2026

Amy Ross Arguedas 2025: How audiences think about news personalisation in the AI era. Reuters Institute. Zugriff am 02.02.2026

 

Fotocredit Titelbild: (c) Alexandra Koch via Pixabay

 

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Lena Brody, MSc

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